Jorna Sternekieker

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Lieber Gott,
heute war es wieder besonders schlimm. Klara lag den ganzen Tag nur in ihrem kleinen Bett, eingehüllt in dicke Decken, ich weiß nicht ob sie mich überhaupt bemerkt hat. Es braucht meine ganze Kraft, in solchen Momenten nicht die Beherrschung zu verlieren und einfach loszuheulen.
Zum Glück war Frauke an meiner Seite. Sie meint, wir sollen dankbar sein. Dankbar für jeden schönen Augenblick, den wir der Kleinen noch bereiten können. Doch Dank zu empfinden fällt mir schwer. Und mit ansehen zu müssen, wie es Klara stetig schlechter geht, fällt mir noch viel schwerer.
Es macht mich fertig. Und wütend. Ich weiß nicht wie Frauke diese Last tagtäglich auf sich nehmen kann, sie ist so ein wundervoller Mensch.
Lieber Gott, ich weiß, dass ich mir das folgende weder wünschen kann noch darf, aber wenn es dir irgendwie möglich ist, mach bitte, dass Klara wieder gesund wird. Ich weiß, du bekommst täglich Millionen Gebete dieser Art und ich weiß, du kannst nicht jedes Leben retten, aber sie ist doch noch so jung. So jung. Und sie ist eine von den Guten. Warum trifft es eigentlich immer die Guten?
Amen.

                                                        

Pauls Wecker klingelt an diesem Morgen sehr früh. Das blecherne Geräusch wirkt um diese Uhrzeit fremd und er benötigt einige Sekunden, um zu begreifen, wo er sich befindet. Mechanisch stellt er das Schrillen aus und reibt sich stöhnend die müden Augen. Noch vor einem Jahr war er alles andere als ein Frühaufsteher, doch die letzten Monate in seinem neuen Job ließen ihm keine andere Wahl. Inzwischen hat Paul sich ein wenig daran gewöhnt und manchmal kann er die Ruhe am Morgen sogar genießen. Wenn die Dämmerung noch wie ein Schleier über der Stadt liegt und selbst die Vögel zu müde zum Tschilpen sind.
"Autsch!"
Mit schmerzverzerrtem Gesicht reibt Paul sich seinen großen Zeh. Wie gesagt, manchmal genoss er die frühen Stunden sogar, heute ist allerdings kein solcher Morgen. Suchend schaut er sich um. Wo ist bloß seine andere Socke abgeblieben, er hatte seine Kleidung doch gestern Abend extra auf dem Stuhl zurechtgelegt? Wenn Bobbie dahinter steckt, dann kann er was erleben!
Leise fluchend hüpft Paul auf einem Bein über den Flur und späht dabei in jede Ecke. Nach kurzer Zeit wird er fündig, triumphierend zieht er den zweiten Strumpf unter der Heizung hervor
. Richtig, hier hatte er ihn kurz trocknen wollen, nachdem er nachts gegen die Blumenvase gelaufen war.
Doch sein Erfolg bleibt unbemerkt, nur Bobbie verfolgt müde seine Bemühungen.
"Na du kleiner Racker, magst du noch ein Leckerli, bevor ich gehe?", wispert Paul in die Stille.
Der Mops spitzt die Ohren und beobachtet müde Pauls Hand, die nun in die Jackentasche mit den Hundecrackern gleitet. Kurz darauf ertönt aus dem Hundekorb ein gelangweiltes Seufzen und Bobbies Kopf ist wieder verschwunden.
"Undankbares Ding!", mault Paul in seine Richtung, doch auf eine erneute Reaktion hofft er hier vergebens. Auf leisen Sohlen schleicht er in das gemeinsame Schlafzimmer, um Kim einen sanften Kuss auf die Stirn zu hauchen. Er murmelt noch ein leises: "Mach's gut, Schatz", in das schwarze Haar, dann verlässt er die Wohnung.
Wie immer. Seit einigen Wochen ist dieses morgendliche Ritual manchmal die einzige Begegnung am Tag mit Kim. Und auch wenn zu dieser frühen Uhrzeit von seinem Murmeltier kein Augenblinzeln zu erwarten ist, gibt es Paul doch das Gefühl ein wenig Vertrautheit aufrecht zu erhalten. Aber wie lange konnte dies noch so weitergehen, wie lange würde Kim unter diesen Umständen leben können? Ganz zu schweigen von Pauls eigenen Nerven, die inzwischen erheblich gelitten haben. Job und Karriere sind wichtig, aber was hat man davon, wenn das Privatleben dabei auf der Strecke bleibt? Wenn es eines Tages einfach seine Koffer packt und ohne zurückzuschauen Adieu sagt?
Kopfschüttelnd vertreibt er die bösen Gedanken. Sein Schatz ist wundervoll, von dieser Seite braucht er nichts zu befürchten. Kim bringt stets Verständnis für ihn und seine stressige Arbeit auf und ist zusätzlich Pauls Antrieb in schweren Stunden. Dabei ist sein Herzblatt selbst auf erfolgloser Jobsuche und aufgrund der vielen Absagen oft am Boden zerstört. Dennoch stärkt Kim ihm den Rücken, wenn er mal wieder die Nase voll hat und alles hinschmeißen will.
Und das kam in letzter Zeit leider recht häufig vor. Der zu Beginn so wunderbar klingende Traumjob entpuppt sich mehr und mehr als modernes Sklavenschiff, auf welchem Paul Tag für Tag im Kreis rudert.
Während Paul auf den Fahrstuhl wartet, mustert er kritisch sein Spiegelbild. Verlegen streicht er sich über das zerzauste braune Haar und brummt unzufrieden.
Wann hatte das Gewirr auf seinem Kopf eigentlich das letzte Mal einen Friseur gesehen? Überhaupt, wann hatte er das letzte Mal richtig ausgeschlafen? Mit Kim gemeinsam frühstücken, kuscheln oder einfach nur den tiefen Atemzügen seines Schatzes lauschen können? Diese Zeiten sind längst Vergangenheit und an den Wochenenden zu arbeiten ist für Paul keine Seltenheit mehr.
In einem Anflug von Selbstdisziplin löst er den Blick vom Spiegel, schüttelt seinen Körper und streckt den Rücken durch. Diese Haltung gefällt ihm um einiges besser. Wie sagte sein Vater früher: "Jammern hilft nicht."
Gut, in letzter Zeit war sein Job besonders anstrengend, aber das ist bei Wettbewerben um neue Objekte üblich und nur verständlich. Seit sich das bedeutende Bauprojekt der chinesischen Firma Kunati angekündigt hat, steht die gesamte Architekten-Branche auf dem Kopf. Ein Auftrag solchen Ausmaßes würde den Jahresumsatz der meisten mittelständischen Unternehmen sichern und so war das große Rennen um ein Stück des Kuchens eröffnet. In solchen Zeiten muss jeder zurückstecken. Familie wird zur Nebensache und Freizeit zu einem Luxus, den man sich einfach nicht erlauben kann. Außerdem ergäben sich auch für Paul einige verlockende Möglichkeiten, sollte sein Arbeitgeber Plan4Good den begehrten Auftrag erhalten. Es ist seit langem kein Geheimnis mehr, dass Herr Lorentz, einer der Geschäftsführer, in nächster Zeit seinen wohlverdienten Ruhestand antreten wird.
Diese Veränderung stimmt Paul einerseits sehr traurig. Er mag den Einundsechzigjährigen, und das aus gutem Grund. Herr Lorentz war stets ein fairer Chef und ein Vertreter der seltenen Meinung, dass der Mensch im Vordergrund steht und nicht die Zahlen, welche er einbringt. Derart soziale Einstellungen sind mit dem wirtschaftlichen Fortschritt leider zu einer Rarität geworden, erst recht in einem Unternehmen, dessen Kerngeschäft der ständige Wandel in der Gesellschaft ist.
So wehmütig der Abschied von Herrn Lorentz aber auch ist, so groß ist auch die Chance, die sein Ausstieg für Paul bedeutet. Den freien Posten in der obersten Riege gilt es neu zu besetzen und als einer der erfolgreichsten Juniorarchitekten ist Paul guter Hoffnung.
Für einen kurzen Augenblick gibt sich Paul seinen Träumen hin. Ein schönes Büro, mehr Verantwortung und weniger Arbeit, das wäre toll! Der karge Zustand in seinem Liebesleben würde sich wieder normalisieren und von dem zusätzlichen Gehalt könnte er Kim für die Strapazen der letzten Monate entschädigen. Ihm würde da schon etwas Schönes einfallen, zum Beispiel dieser kleine Sportflitzer, von dem Kim schon so lange träumt. Nur zu gerne würde Paul seinem Schatz den Schlüssel hierfür überreichen.
Von dieser Idee beflügelt, startet Paul seinen Wagen und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Als ein schönes Lied im Radio läuft, pfeift Paul lauthals mit und muss über sich selber lachen. Bei näherer Betrachtung gibt es in seinem Leben keinen Grund für Beschwerden. Mit Kim hat er das große Los gezogen und auch sein Job macht ihm Spaß. In wenigen Stunden findet die große Präsentation vor den Vertretern von Kunati statt und womöglich gibt es anschließend sogar etwas zu Feiern. Paul hat hart in den vergangenen Wochen an den Entwürfen des neuen Bürokomplexes gearbeitet und nun summt sein Magen vor nervöser Vorfreude.

Mit Herzklopfen betritt er kurze Zeit später den Eingang von Plan4Good und das Ziehen in seinem Bauch verstärkt sich. Als sich ein flaues Gefühl in seiner Magengegend dazu gesellt, bleibt Paul stehen. Skeptisch betrachtet er die vor ihm liegende Halle. Irgendetwas ist heute anders als sonst, das kann er deutlich spüren. Er kommt jedoch zu keinem Ergebnis.
Mira, die hübsche Dame am Empfang, schaut freundlich auf und grüßt kopfnickend in seine Richtung, während sie weiter in das Telefon spricht. Das kennt Paul schon, Mira ist eben ein wahres Multitasking-Talent. Mit dem Hörer zwischen Schulter und Hals geklemmt, neigt sie sich zur Seite und überreicht Paul seine morgendliche Post. Der knallgelbe Zettel auf der obersten Seite des Stapels springt ihm augenblicklich ins Auge und Paul muss den Inhalt zweimal lesen, um zu begreifen was dort steht. "Kunati-Telko morgen 05.30 Uhr, Zimmer 3.1. Bitte pünktlich, sehr wichtig!!!"
Ein kalter Schauer kriecht über Pauls Rücken, während er fassungslos auf die Uhr an der Wand starrt. Seit einer Stunde findet DIE entscheidende Telefonkonferenz mit DEM größten und wichtigsten potenziellen Auftraggeber statt und er hat den Termin einfach verschlafen. Harte Arbeit und bitteren Schweiß hat er in zahlreichen Überstunden in dieses Projekt investiert und nun, wo es um die Lieferung der ersten Ergebnisse geht, kommt er zu spät. Warum hat man ihn nicht rechtzeitig informiert? Und woher zum Teufel stammt dieser gelbe Zettel?
Fragend blickt Paul zu Mira, aber die zierliche Dame ist zu sehr in ihr Telefonat vertieft.
"Aber natürlich, Herr Grossmann, das verstehe ich sehr gut. Am besten suchen wie gleich nach einem zeitnahen Termin für Sie."
Unruhig hüpft Paul auf und ab, während er den Anrufer verflucht. Er kann unmöglich warten, bis das Gespräch beendet ist und spurtet kurzentschlossen zur Treppe. Schlagartig wird ihm klar, woher die ungewohnte Atmosphäre rührt: Es ist die Stille. Keine murmelnden Gespräche, nicht ein energisches Telefongeklingel, keine Türen die ins Schloss fallen. Nur diese verdammte Stille. Es scheint als wäre das ganze Haus in der Besprechung. Alle außer Paul eben.
Auf dem Weg in das Sitzungszimmer durchwühlt dieser seine Tasche nach dem Handy. Als er es hervorzieht, blickt er erschüttert auf das schwarze Display und schnaubt laut auf. Das blöde Ding hat offensichtlich mal wieder den Geist aufgegeben, einen ungünstigeren Zeitpunkt hätte es sich dafür nicht aussuchen können. Paul wird immer wütender. Warum wurde überhaupt ein derart wichtiges Meeting so kurzfristig einberufen, dahinter konnten nur die wankelmütigen Vertreter von Kunati stecken.
Er muss an seinen Chef denken und ihm wird heiß und kalt. Herr Kreisig muss außer sich sein, und das aus gutem Grund! Was sollte dieser dem Kunden auch präsentieren, wenn die neuesten Entwürfe gut verschlossen in Pauls Schreibtisch liegen? Für einen kurzen Moment klammert sich Paul an die Hoffnung, dass die Telefonkonferenz vertagt wurde, in seinem Inneren glaubt er allerdings selbst nicht daran. Der chinesische Großkonzern ist einer der bedeutendsten Auftraggeber und weiß dies auch zu zeigen. Schon der kleinste Fehler, wie ein verschobenes Meeting, kann die Disqualifikation für Paul und seine Kollegen bedeuten. Die Branche ist hart umkämpft und übersättigt und gute Referenzen sind überlebensnotwendig. Diese Lage und das Wissen darum macht die Arbeit für eine junge Firma wie Plan4Good, nicht gerade leicht. Umso überwältigender war der Tag, an dem die Anfrage von Kunati Technologie ins Haus flatterte. Natürlich war allen klar, dass Plan4Good nur einen Lückenfüller für ein Alternativangebot darstellen sollte, so ein Vorgehen ist üblich. Bei derart großen Projekten werden meist zwei renommierte und solide Unternehmen sowie ein sogenanntes Greenhorn beauftragt. Dies dient zum einen dazu, die Qualitätsunterschiede besser hervorzuheben und zum anderen, sich ständig davon zu überzeugen mit den Besten zusammen zu arbeiten. Aber wie gering die Chance für Pauls Firma auch sein mag, es bleibt dennoch eine Chance, DIE Möglichkeit endlich mit den Großen in einer Liga zu spielen. Natürlich ist sich Kunati seiner Stellung bewusst und an Problemen oder Engpässen von Plan4Good nicht interessiert. Die Kunden wollen Ergebnisse und zwar am besten gestern. Der Zeitunterschied beider Länder macht die Sache nicht gerade einfacher und so ist selbst die frühe Uhrzeit der angesetzten Telefonkonferenz nicht ungewöhnlich.
Mit quietschenden Schuhen biegt Paul um die letzte Ecke des Flures und bremst abrupt ab. Die Unterlagen! In seiner Panik hat er ganz vergessen, die Pläne aus seinem Büro zu holen. Dieses liegt am anderen Ende des Gebäudes und der Weg dorthin würde weitere wertvolle Minuten in Anspruch nehmen. Aber soll er tatsächlich ohne die Entwürfe in das Meeting platzen, zu spät und ohne Vorbereitung? Einen Sekundenbruchteil wägt Paul die Möglichkeiten ab, dann hat er seine Entscheidung getroffen. An die Zeichnungen hätte er eher denken sollen, jetzt bleibt ihm für den Umweg keine Zeit mehr. Für einen Moment schließt er die Augen, während er tief einatmet und den Rücken durchstreckt. Diese Geste hatte ihm sein Vater beigebracht und noch heute denkt Paul an dessen Worte: "Der Mensch sendet unaufhörlich Signale aus. Wenn du dich unsicher und unbehaglich fühlst, spüren das deine Mitmenschen. Tritt jederzeit mit geradem Rücken und selbstbewusst auf, auch dann, wenn du dich am wenigsten danach fühlst."
Das waren damals harte Worte für einen Drittklässler, der eine Heidenangst vor seinem ersten Vortrag hatte. Doch später empfand Paul Dankbarkeit für den Rat und letztlich trug dieser nicht wenig zu seinem heutigen beruflichen Erfolg bei.
Mit großen Schritten geht er zur Tür und öffnet diese entschlossen. Wie erwartet findet sich Paul nur wenige Sekunden später in einem Raum voll erstaunter Blicke und peinlichem Schweigen wieder. Der Ausdruck auf den meisten Gesichtern ist freundlich, aber betreten. Es ist unverkennbar, wie froh die Kollegen sind, nicht in seiner Haut zu stecken.
Die kurze Unterbrechung endet abrupt, als Herr Kreisig das Gespräch wieder an sich reißt. Obwohl dieser mit dem Rücken zu Paul steht, genügen die steife Haltung und Pauls Vorstellungsvermögen, um zu erahnen, wie wütend der Vorgesetzte sein musste. Mit einer entschuldigenden Geste setzt sich Paul an den Rand, wo er mit rasendem Puls auf die Präsentation an der Wand starrt. Zu allem Unglück bemerkt er eine wallende Hitze in sich aufsteigen und ärgert sich. Das hat ihm gerade noch gefehlt, jetzt wird er auch noch rot wie ein kleiner Schuljunge.
Diesen Fluch kennt Paul zur Genüge, seit seiner Kindheit kommt und geht sein Erröten, ohne dass er es beeinflussen kann. Da hilft nur eines: Ruhe bewahren und an etwas anderes denken, sonst würde sich der Zustand nur noch verschlimmern. Angestrengt und mit leuchtendem Kopf, ruft Paul sich das letzte Treffen mit Klara ins Gedächtnis. Das Bild ihres gebrechlichen Körpers und dem dennoch tapferen Lächeln lässt ihn für einen Moment seine Umgebung vergessen. Es gibt so viel Wichtigeres als die Arbeit. Gesundheit und Liebe sind zwei Geschenke, die es für kein Geld der Welt zu kaufen gibt. Allmählich verlangsamt sich Pauls Herzschlag und auch die Wärme an seinen Ohren lässt nach. Je mehr er sich beruhigt, desto ungläubiger starrt er auf die Projektion an der Wand. Inzwischen hat sein Kollege Alessandro Bommel das Wort ergriffen und Paul stockt der Atem.
Das kann doch nicht …? Woher …?
Verwirrt schüttelt Paul seinen Kopf und erntet abermals musternde Blicke. Dieses Mal stört er sich jedoch nicht daran, verwirrt blickt er auf die großen verglasten Gebäude auf den Bildern. Es besteht kein Zweifel, bei näherer Betrachtung der Pläne, die soeben mit den großspurigen Worten seines Kollegen präsentiert werden, handelt es sich eindeutig um Pauls Arbeiten. Gebannt und irritiert zugleicht verfolgt er den Vortrag, registriert die gelegentlichen Ausrufe des Erstaunens und der Anerkennung an den dafür vorgesehenen Stellen und den Applaus am Ende der Rede. Eine Mischung aus Stolz, Erleichterung, aber auch Wut über sein Hintergehen, taucht Paul in ein Wechselbad der Gefühle. Erst als die Abschlussphrasen von Herrn Kreisig an sein Ohr dringen, löst sich Paul aus der Starre.
Die Konferenz ist beendet und erleichterndes Gemurmel füllt den Raum. Keiner nimmt Notiz von Paul, der noch immer steif auf seinem Stuhl sitzt, zwischen Scham und Empörung hin- und hergerissen. Einerseits beruhigt ihn das Wissen, dass das Meeting positiv verlief und in keiner Katastrophe endete, aber mit ansehen zu müssen wie ein anderer die eigenen Entwürfe vorträgt, ruft ein merkwürdiges Gefühl. in ihm hervor. Wenn die Einfälle und Bilder, an denen man tagtäglich feilte, mühelos über die Lippen eines anderen gehen, dieser Zustand hat etwas von Hilflosigkeit.
"Bommel, Büttner, in mein Büro! Sofort!"
Herrn Kreisigs harte Worte lassen Paul aufschrecken, der Zorn in seiner Stimme ist unüberhörbar.
Hastig sprintet Paul den Flur entlang, während er Alessandros Worte vernimmt.
"Na, das lief doch ganz gut. Ich kenne den Projektleiter von Kunati aus früheren Gesprächen und er schien heute mehr als zufrieden zu sein. Da haben wir die Entwürfe noch mal aus dem Feuer holen können. Hahaha.”
Bommel lacht, wie immer laut und künstlich, doch Herr Kreisig bleibt stumm. In unheilvoller Ruhe betritt der Chef sein Büro und setzt sich hinter den massiven Eichentisch. Mit starrem Blick fixiert er Paul, der als Letzter hereinschleicht und die Tür so vorsichtig schließt, als wäre sie aus Glas. Dann platzt Herrn Kreisig der Kragen und Paul schier das Trommelfell.
"Büttner, was zum Geier haben Sie sich dabei gedacht? Einfach so mir nichts dir nichts über eine Stunde zu spät einzutrudeln? Ohne Info, ohne jemanden die Unterlagen zu übergeben, ohne …"
Der dicke Mann bricht erschöpft ab und schnauft atemlos nach Luft. Kleine Schweißperlen bilden sich auf dem vor Anstrengung gerötetem Gesicht des Vorgesetzten.
"Ich", fiepst Paul kleinlaut und bricht, erschrocken über seine klägliche Stimme, ab. Er räuspert sich.
"Herr Kreisig, ich hatte keine Ahnung von diesem Treffen. Ich habe erst heute Morgen davon erfahren, sonst wäre ich natürlich pünktlich gewesen. Das können Sie mir glauben."
So überzeugend wie möglich blickt er in die reptilienartigen Augen seines Gegenübers.
"Papperlapapp", poltert dieser weiter. "Bommel hat die ganze Nacht versucht, Sie zu erreichen, aber Herr Büttner ist temporary not available. Mann, Büttner, wozu haben Sie denn ein Handy, wenn Sie im Notfall nicht drangehen? Wir sind keine Landschaftsgärtnerei, hier geht es um Großes, hier geht es um die Firma! Das ist nicht ohne übermäßiges Engagement machbar. Ich dachte Sie hätten das begriffen!"
"Aber ich habe keinen Anruf …", setzt Paul verteidigend an, während er zum Beweis das Handy aus der Tasche kramt. Als sein Blick erneut auf das schwarze Display fällt, schweigt er betroffen. Unterdessen beobachtet Herr Kreisig die Bewegungen argwöhnisch, dann holt er tief Luft.
"Büttner, ich bin enttäuscht. Versuchen Sie jetzt bitte nicht, sich aus der Verantwortung zu stehlen, das macht die Sache nicht besser. Zum Glück hat Bommel Zugang zu Ihren Arbeiten. Das ist auch der Grund, warum es so wichtig ist, dass immer zwei Mitarbeiter gemeinsam an einem Auftrag arbeiten."
Mit strengem Blick bedenkt er Paul und dieser versteht die Anspielung sofort. Noch vor wenigen Wochen erbat sich Paul mehr Eigenverantwortung in seinen Projekten, da die Zusammenarbeit mit Alessandro des öfteren Unbehagen in ihm auslöst. Manchmal fühlt sich diese an, als würde ein Kaninchen mit einer Schlange Karten spielen. Sein damaliger Wunsch wurde allerdings abgeschlagen und der heutige Auftritt bestärkt die Entscheidung des Vorgesetzten.
"Und was sie beide sich da ausgedacht haben, ist gar nicht mal so schlecht", fährt Herr Kreisig nun mit versöhnlicher Stimme fort.
Wir beide? Fragend schaut Paul zu Alessandro, der stur einen Krümel auf seiner Krawatte zu entfernen versucht.
"Aber …"
Bevor Paul nachhaken kann, ertönt ein weiterer Brüller aus Herrn Kreisigs dicken Hals: "Und jetzt raus und wieder an die Arbeit, es gibt viel nachzuholen, klar?!"
Verdutzt stolpert Paul auf den Flur, wo er von Alessandro geschnappt und in dessen Büro gezogen wird.
"Ich denke, wir haben etwas zu besprechen", zischt sein Kollege zwischen den Zähnen hervor und drückt Paul auf den Stuhl.
Bedächtig legt der Möchtegern-Italiener eine gegelte Locke zurecht, bevor er loslegt.
"Was ist zurzeit eigentlich los mit dir, Paul?", beginnt er mit dessen zweiter Standpauke am heutigen Morgen. "Ich habe dich gestern bestimmt hundert Mal angerufen, aber du gehst weder ans Telefon noch bequemst du dich zurückzurufen. Das ist eine harte Branche, da kann man sich so eine Auszeit einfach nicht leisten, klar?"
Nun reicht es Paul, erbost springt er auf.
"Stopp, jetzt halt mal für einen Moment die Luft an! Ich habe keine Ahnung was hier gespielt wird. Alles ist wie in einem schlechten Film. Heute Morgen komme ich wie gewohnt zur Arbeit und plötzlich erfahre ich von einem unerwarteten Meeting, zu dem ich auch noch zu spät komme. Dann muss ich mit ansehen wie DU MEINE Ergebnisse präsentierst und mich dafür hinterher auch noch zusammenscheißen lassen. Ich habe echt große Lust dem Kreisig eine …"
Mit großen Augen verfolgt Alessandro den Ausbruch, bevor sich die gewohnte Arroganz wieder auf sein Gesicht legt. Ächzend lässt er sich in den Sessel fallen und verharrt so ein paar Sekunden, bevor er fortfährt.
"Paul, komm mal runter", beginnt er langsam und mit beruhigender Stimme. "Der Termin kam kurzfristig, okay, das lief blöd. Aber ist dir klar, was passiert wäre, wenn ich deine Unterlagen nicht gefunden hätte? Die Kreissäge war auf Hundertachtzig und wollte alles absagen. Ich habe ihn mit Müh und Not überzeugen können, dass wir zu zweit an dem Projekt arbeiten und ich für dich einspringen kann."
Verwirrt schüttelt Paul seinen Kopf, zum wiederholten Mal schaut er auf sein Telefon. Wie konnte er nur so blöd sein? Der Akku seines Handys streikte schon häufiger in der letzten Woche, erst vor wenigen Tagen hatte Bommel es zur Reparatur mit nach Hause genommen.
"Paul, was hältst du davon, dir den Rest des Tages frei zu nehmen? Wahrscheinlich arbeitest du in letzter Zeit einfach zu viel. Ruh dich aus und komm morgen wieder, mit hundert Prozent im Gepäck, okay?"
Gönnerhaft tätschelt Alessandro Pauls Arm, doch dieser schüttelt ihn ab. Paul weiß, dass seinen Kollegen keine Schuld trifft, aber er kann ihn dennoch nicht leiden. Und wie ein Kleinkind lässt er sich erst recht nicht behandeln. Unwirsch steht er auf.
"Danke, aber ich komme klar. Ich mach mich jetzt an die Arbeit, wenn etwas ist, weißt du ja, wo du mich findest.”
Auf dem Weg in sein Büro schweifen Pauls Gedanken aufs Neue ab. Die Sache mit dem Handy ist merkwürdig, es schien doch wieder tadellos zu funktionieren.
Einige Male lässt Paul den Morgen Revue passieren, bevor er kopfschüttelnd die Bilder verdrängt. Verfolgungswahn bringt ihn nicht weiter, er sollte sich lieber auf sein Projekt konzentrieren.
Auch hier hat sein Vater recht: Arbeit ist das beste Mittel um sich abzulenken.

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© Jorna Sternekieker