Jorna Sternekieker

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Lieber Gott,
heute weiß ich vor Aufregung gar nicht, wo ich anfangen soll.
Natürlich möchte ich dir wie immer für meine strotzende Gesundheit, das reichliche Essen im Kühlschrank und die dennoch so gnädige Zahl auf meiner Waage danken. Das alles ist schon mal prima. Doch mein besonderer Dank gilt dem heutigen, wunderbaren Tag. Durch meinen Körper rieselt noch immer freudiges Kribbeln und ein Gefühl wie rosa Zuckerwatte im Bauch, nach Popcorn duftende Wolken und lachende Marienkäfer auf meiner Fingerspitze, durchflutet mich. Einfach unbeschreiblich!
Draußen geben die letzten Strahlen der untergehenden Sonne eine angenehme Wärme und ich höre meine Nachbarin auf ihrem Balkon lachen. Aber selbst dieses schrille, nervtötende Geräusch kann mir heute nicht die Laune verderben. Nicht nach so einem Tag! Nicht nach so einer Mittagspause. Was war das doch für ein Geniestreich von dir. Wenn ich meine Augen schließe, kann ich es noch deutlich vor mir sehen:
Die anmutige Frau Neumann schreitet hoheitsvoll durch die Kantine, ein wahrer Augenschmaus für das gemeine Volk. Sie schwebt förmlich dahin, in ihrem elfenhaften Gang, galant schlängelt sie sich durch die Massen und … stolpert. Wie in Zeitlupe entgleisen ihre zarten Gesichtszüge und sämtliche Spaghetti Bolognese fliegen von ihrem Teller, durch die Luft, und landen auf dem Boden. Direkt gefolgt von Frau Neumann selbst. Mir fehlen jetzt noch die Worte vor Begeisterung.
Ich weiß, ich weiß, mein Dank ist gänzlich unangebracht, du bist für derart tragische Ereignisse natürlich nicht verantwortlich. Aber du hast dir auch keinen Zacken aus dem Dreizack gebrochen, um den Sturz zu verhindern, oder? Und mal ganz unter uns, dieses Mal hat es die Richtige erwischt. Ständig dieser hochnäsige Blick über die roten Brillenränder hinweg, wenn sich unsere Wege auf dem Flur kreuzen. Begleitet von dem nervenaufreibenden Geklapper ihrer viel zu hohen Pumps oder stammt dieses Geräusch doch von ihren dürren Beckenknochen? Ich weiß es nicht. Natürlich wird der einstudierte Auftritt sauber abgerundet mit einer distanziert kühlen Begrüßung, ebenso von oben herab, versteht sich.
Einfach unverschämt! So würde ich niemanden behandeln, nicht einmal unsere italienische Putzfrau, die mich gelinde gesagt nicht gerade zu ihren besten Freundinnen zählt. Na gut, ich will nicht lügen, die möglicherweise doch. Aber das ist ja gerade die Frechheit daran. Wie kann Frau Neumann es wagen, mich auf die gleiche Stufe wie unsere Reinemachefrau zu stellen? Die hat Nerven!
Nun gut, dank dir hat sich ihr Ego heute gewaltig den Finger eingeklemmt und sie wird in den nächsten Tagen nicht mehr so selbstverliebt durch die Gegend stolzieren. Zumindest nicht ohne einen Anflug von Panik beim täglichen Kantinenbesuch.
Heureka und Amen!

                                                            

Das ist doch nicht zu fassen! So ein Idiot! Es ist einfach unglaublich wie rücksichtslos und unverfroren sich manche Menschen beim morgendlichen Parkplatzklau verhalten. Dabei habe ich mich so bemüht! Um ein Haar hätte ich eine Passantin überfahren, um den geschniegelten Mercedesfahrer  einzuholen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass er die Abkürzung über die Behindertenparkplätze nimmt. Na toll! Das war‘s dann mit der Lücke direkt am Eingang, und das war’s dann auch mit dem Plausch mit dem Chef. Stimmt, wenige Meter vor mir steigt Herr Brunner aus seinem schwarz lackierten Wagen und geht die Stufen hinauf, pünktlich wie jeden Tag. So ein Mist!
Doch noch habe ich eine kleine Chance, wenn er sich jetzt umdreht, kann er mich sehen und wartet sicher auf mich. Beschwörend fixiere ich Herrn Brunners nadelstreifigen Rücken, als ein lautes Brummen meine Hypnose stört. Mein Handy vibriert in der Handtasche und ich nehme genervt ab, den Blick weiterhin fest auf Herrn Brunner geheftet.
"Dreh dich um, so dreh dich doch um", murmle ich leise vor mich hin.
 "Wie bitte?"
"Du sollst dich umdrehen!"
Schwupps, und weg ist er. Ohne einen letzten Blick, betritt der Vorstand das Gebäude und ich könnte vor Wut in das schwarze Leder meines Lenkrads beißen.
"Hallo?", haucht es mit zitternder Stimme aus dem Hörer und holt mich in die Realität zurück. "Wer ist denn da?"
"Wen hättest du denn gerne?", brumme ich unwirsch. "Charly natürlich, oder denkst du, der Weihnachtsmann nimmt meine Anrufe für mich entgegen?"
 "Charlotte Wiese! Mach das bloß nie wieder mit mir!", brüllt nun auch Peggy. "Weißt du denn nicht, dass die berühmtesten Horrorfilme mit einem obszönen Anruf beginnen?"
"Dann schau lieber mal unter deinem Bett nach", flüstere ich bedrohlich und meine Freundin kreischt kichernd auf.
"Ich hasse dich, du bist einfach abscheulich. Du weißt genau, dass ich jetzt tatsächlich das ganze Haus auf den Kopf stellen muss."
Ich nicke nachsichtig lächelnd, Peggys Naivität ist geradezu grenzenlos.
"Schön, schön, da wir das nun geklärt haben, kann ich ja auflegen", versuche ich die unangenehme Störung zu beenden.
"Stopp! Wag es ja nicht!", schnaubt meine Freundin wütend und ich halte inne.
"Dann mach's kurz, ich habe es eilig."
"Ja ja, schon gut. Immer busy unterwegs, so kennen wir unsere Charly. Ich wollte dich auch nur an unseren Mädelsabend erinnern. Nicht, dass du ihn wieder "VERGISST".
Die letzten Worte triefen vor Ironie und ich verstehe die Anspielung sofort.
"Wie oft soll ich euch noch erklären, dass es in meinem Job eben nicht immer möglich ist, sich an feste Verabredungen zu halten?"
"Nun ja, einfach so lange, bis wir es dir glauben. Also um sieben bei Alfredos. Sei pünktlich, sonst werden wir …"
"Da pfeift das verrückte Schwein in der Pfanne! Ich habe es gar nicht nötig euch etwas vorzuspielen!"
Peggy seufzt: "Charlotte, wie oft denn noch? Der Hund wird verrückt oder dein Schwein pfeift. Wann lernst du es endlich die Sprichwörter auseinanderzu…"
Peggys Stimme verstummt, als ich auf "Anruf beenden" drücke, ich lasse mir ungern Vorschriften machen. Genervt steige ich aus meinem Wagen und verfluche diesen Unglückstag aufs Neue. Bereits zum dritten Mal in dieser Woche, verpasse ich den frühen Smalltalk mit Herrn Brunner, was der wohl inzwischen denken mag? Seit ich herausgefunden habe, dass unser Vorgesetzter zur seltenen Gattung der Frühaufsteher gehört, treffe ich ihn gewöhnlich jeden Morgen, rein zufällig natürlich. Anfangs fiel mir die Umstellung noch etwas schwer, im Grunde meines Herzens bin ich ein gemütlicher Langschläfer. Aber alles hat seinen Preis und welche meiner Kolleginnen kann schon den überaus lustigen Witz machen und behaupten, unsere Agentur morgens aufzuschließen? Das ist seit Jahren ein Running Gag zwischen Herrn Brunner und mir, über den der Fünfzigjährige auch heute noch höflich lacht.

Während ich den Parkplatz überquere, beäuge ich kritisch die leeren Lücken in der vordersten Reihe. Reservierungen sind toll, in einem angesagten Restaurant zum Beispiel oder auch im Kino sind sie durchaus angebracht, aber auf einem Firmenparkplatz? Wo bleibt denn da der Anreiz für die Mitarbeiter? Woran sollen denn die Kollegen erkennen, dass du seit sechs Uhr auf dem Gelände bist, wenn dein Auto unscheinbar in der Mitte des Platzes steht?
Hinter mir ertönt lautes Motorengeheul und lässt mich zusammenzucken. Reflexartig springe ich auf die Seite und entgehe nur knapp einem Verkehrsunfall. Starr vor Angst stehe ich mit einem Fuß im Schlamm und verfolge mit den Augen den wahnsinnigen Audifahrer. Dieser stört sich nicht im Geringsten an seinem Mordversuch, mit einer Seelenruhe parkt er das Auto direkt neben Herrn Brunners Wagen und steigt aus.
Vielmehr stöckelt er, besser gesagt SIE, aus ihrem Wagen und ich erkenne mit Entsetzen Frau Neumann. Eine Gänsehaut der Wut überläuft meinen Kopf und ich kann nur mit Mühe einen Aufschrei unterdrücken. Die wasserstoffblondierte Vorstandsassistentin und ich sind gute, alte, bekannte … Feinde. Und auch wenn ich nicht beweisen kann, dass sie mich hinter ihrer monströsen Sonnenbrille erkannt hat, bin ich mir doch sicher, ihr rasanter Fahrstil galt mir und meinem Ableben. Frau Neumann bremst für Tiere und religiöse Randgruppen, aber nicht für mich. Keine Gelegenheit lässt sie aus, um mich zu demütigen, am liebsten allerdings vor Publikum. So zum Beispiel in der letzten Mittagspause, als sie zuckersüß und unnötig laut bemerkte, dass sie aus Herrn Brunners Gesicht genau ablesen könne, an welchen Morgen wir uns begegnen würden. Danach schaue er nämlich jedes Mal so mitleidsvoll drein, wie der Pfarrer auf einer Beerdigung. Sie lachte als Einzige über ihren Witz und ich verließ ohne zu essen die Cafeteria.
Eigentlich mache ich mir nichts aus derartigen Seitenhieben, die sind nichts weiter als getarnter Neid. Je härter der Hieb, desto größer die Eifersucht und ich arbeite hart für die Missgunst meiner Mitmenschen, jawohl!
Die tiefgreifende Rivalität zwischen Frau Neumann und mir besteht ohnehin seit Jahren und entstand zu einer Zeit in der ich selbst noch Vorstandssekretärin war. Mit Wehmut denke ich an diese glorreichen Tage zurück. Jeder Mitarbeiter hat mich gegrüßt und mir ehrfurchtsvoll hinterher geschaut, wenn ich geschäftig den Gang entlang eilte. Ich war angesehen und gefürchtet, ein weiterer Pluspunkt. Entweder du bist beliebt oder erfolgreich, ich wählte das zweite. Doch dann ging mein damaliger Chef nach vierzig Jahren Betriebszugehörigkeit in den Ruhestand und sein Nachfolger hatte bereits eine Klette, namens Neumann, im Gepäck. So musste ich das Feld räumen, obwohl ich ihm ansah, wie gerne er die stumpfsinnige Barbie-Ausgabe gegen meine bodenständige Kompetenz eingetauscht hätte. Dass der gewaltige Oberbau dieser Brech… bohnenstange nicht natürlich gewachsen war, konnte ich aus zehn Metern Entfernung erkennen und von unserer Putzfrau wusste ich, dass auch ihr Gesicht des Öfteren einen OP-Saal von innen gesehen hatte. Doch das langbeinige Frettchen witterte seine einmalige Chance und wich dem neuen Vorstand nicht mehr von der Seite. Ständig sah man sie kichernd ihren Busen unter seine Augen schieben. Dem Ärmsten blieb keine andere Wahl, als sie zu behalten, es ist eine Schande wie schamlos solch durchtriebene Weibsbilder die Männerwelt manipulieren. Heute führt sich dieses Fräulein auf, als sei sie die rechte Hand der Bundeskanzlerin. Dabei verfügt sie über den IQ einer vertrockneten Zimmerpflanze und ist wahrscheinlich nicht einmal in der Lage, das Kopiergerät zu benutzen, ohne ihren nackten Hintern dabei abzubilden.
Mir ist das egal, ich stehe weit über diesem Hierarchiekinderfasching.

Die morgendliche Begegnung mit meiner Erzrivalin hat aber auch etwas Gutes, denn sie erinnert mich an meinen geheimen Auftrag. Prüfend durchwühle ich den Inhalt meiner Handtasche und ziehe hoffnungsvoll eine kleine Dose hervor. "Dreck und Fleck weg ohne Heckmeck", lese ich lautlos und runzle die Stirn. Bei dem dürftigen Werbeslogan kann ich nur hoffen, dass der Hersteller mehr Geld in die Produktion als in das Marketing des Putzmittels investiert hat. Allmählich melden sich leise Zweifel in mir, ich sollte wirklich aufhören, nachts den Homeshoppingkanal einzuschalten. Zumindest nach einer Flasche Rotwein.
Vor dem Eingang spähe ich vorsichtig nach links und rechts, bevor ich einen Haken schlage und um das Gebäude herum, in den Hintereingang husche. Das grün geflieste Treppenhaus erinnert an ein altes Krankenhaus und wird nur selten genutzt, daher ist es auch die beste Möglichkeit, unbehelligt in die unteren Etagen zu gelangen. Und was ich heute vorhabe, sollte auf jeden Fall unentdeckt bleiben. Auf Zehenspitzen schleiche ich die Stufen hinunter. Mehrmals bleibe ich stehen und lausche in die Stille hinein, doch kein Mucks ist zu hören und ich gelange unbehelligt in den Keller. Mein Ziel, die sanitären Anlagen der Reinigungskräfte, ist unverschlossen und so schlüpfe ich erleichtert durch die Tür. In dem fensterlosen Raum verschnaufe ich für einen Augenblick, bevor ich es wage, das Licht anzuschalten. Ängstlich
blicke ich auf die weißen Außenwände der Kabinen, in der Hoffnung, ein Wunder zu erleben. Doch das Wunder bleibt aus und ich erschrecke von Neuem über meine große, gut lesbare Handschrift.
"Die billigen Tussen von Stock Nummer Acht, sind alle so blöde, dass es kracht", prangt mir dick und fett entgegen und ich verfluche abermals die Weihnachtsfeier vom letzten Jahr. Auch jetzt bin ich fest davon überzeugt, Opfer von unter den Punch gemischten Drogen geworden zu sein, wie sonst hätte ich derart die Kontrolle über mich verlieren können? Ein Schmierfink hat mit Lippenstift: "Und gehören deshalb in 'nen Ofenschacht”, unter meinen Spruch ergänzt und ich muss trotz meiner misslichen Lage lachen.
Zum Glück sind meine geistigen Ergüsse seither verborgen geblieben, nun ja, zumindest dachte ich das. Nur durch Zufall erfuhr ich gestern Abend von unserer Bürotratsche Emma, dass die gesamte untere Etage demnächst umgebaut werden soll. Wie meine Kollegin unserer Abteilung mit hochrotem Kopf berichtete, wurden jedoch bei der Baustellenbegehung unverschämte Schmierereien entdeckt. MEINE unverschämten Schmierereien. Sämtliches Blut wich aus meinem Kopf, als ich, wie aus weiter Ferne, ihrer Lobrede auf den Hausmeister lauschte. Dessen Plan die Handschrift an den Wänden, mit den Schriftproben aus den
Personalakten zu vergleichen und so den Autor ausfindig zu machen, stieß bei Emma auf begeisterten Zuspruch und löste eine Gänsehaut in mir aus.
Doch noch habe ich ein Wörtchen mitzureden, noch bin ich nicht überführt. Beherzt greife ich nach dem mitgebrachten Schwamm und dem Wundermittel, ich habe keine Zeit zu verlieren. Während ich mit der Kraft von zehn Ochsen über die Flächen schrubbe, hallen laute Schritte im Flur und ich erstarre. Nun bereue ich zutiefst, keine Taschenlampe mitgebracht zu haben und spurte so schnell wie möglich zum Lichtschalter. Ich verliere den Wettlauf gegen die Zeit nur knapp. In der Sekunde, als sich mein Finger auf den Schalter legt, schwingt die Tür auf.
Das Letzte, was ich sehe, bevor das Licht erlischt, ist das bärtige Gesicht unseres Hausmeisters, der nun im Rahmen steht. In Dunkelheit und Schweigen gehüllt, verharren wir einige Sekunden wie eingefroren, dann passiert etwas Merkwürdiges.
"Ich mag Tellersülze", spricht die Schattengestalt.
Ich glotze den Herren im Blaumann ungläubig an. Werde ich gerade von unserem Hausmeister angebaggert? Kurzerhand beschließe ich mitzuspielen.
"Ich liebe Spaghetti", fiepe ich kleinlaut. Lieber gehe ich mit dem Waldmensch essen, als entlarvt zu werden. Nun ist es an ihm, mich verwirrt anzustarren.
"Mit vollem Mund kann man nicht reden", sagt er eindringlich und ich verabschiede mich still und im Geiste von der Welt.
Das war’s! Machen wir uns nichts vor, ich stehe Auge in Auge einem verrückten Mann in einem dunklen, abgelegenen Keller gegenüber. Mein letztes Stündlein hat geschlagen.
"Man wird nach mir suchen!", heule ich inzwischen und mein Gegenüber schnaubt entnervt auf.
"Sind Sie wirklich so dämlich? Bringen Sie mir wöchentlich eine Tellersülze und ich schweige wie ein Grab. Verstanden?"
Ich nicke panisch, unter diesen Bedingungen, hätte ich ihm auch das Leben meines ersten Kindes versprochen, da habe ich mit seiner Essenbestellung förmlich Glück gehabt. Zufrieden verlässt der Hausmeister den Raum.
Ich warte noch einige Schrecksekunden, dann stürme ich aus der Tür und die Treppen hinauf. Das Tageslicht bringt mich wieder zu Verstand und ich muss über mich selber den Kopf schütteln. Wie konnte ich nur so blöd sein? Jetzt muss ich bis ans Ende meiner Tage bei meinem Metzger eine Dauerbestellung aufgeben, und alles nur weil ich die Wahrheit so unverblümt veröffentlicht habe. Für diesen Preis hätte ich weitaus mehr über die Dämlichkeiten der obersten Etage schreiben sollen. Ich wüsste auch schon was - angefangen von den kurzen, aufreizenden Röcken und hohen Absätzen, vermutlich eine Uniform, die in der Jobbeschreibung vorgeschrieben ist. Dazu der passende Gang. Menschen gehen, unsere Sekretärinnen flanieren oder stolzieren. Die Wahl der Gangart ist selbstverständlich abhängig von den Anwesenden auf dem Flur. Sind Vorgesetzte im Blickfeld bedeutet dies Lustwandeln für Fortgeschrittene - an Mitarbeitern, und damit Untergebenen wird hingegen hoheitsvoll vorbeigeschritten. Als seien die Damen die Gründungsväter höchstpersönlich und nicht nur deren Türsteher. Als letzte, aber nicht weniger wichtige Disziplin, darf der Blick nicht vergessen werden. Sobald einer der HH – so nennen wir die "Hohen Herren" - ihren Weg kreuzt, werden die geschminkten Augen aufgeschlagen und eine übertrieben freundliche Begrüßung gegurrt, dass man meinen könnte, die Damen bräuchten dringend eine neue Niere und der Gegenüber sei der einzig in Frage kommende Spender. Widerlich!

Huch, da vorne kommt Herr Weber! Kurz entschlossen zupfe ich mir eine Strähne ins Gesicht und sprinte los. Den hole ich noch vor der Eingangstür ein.
"Guten Morgen Herr Weber", flöte ich, "wie fit sie heute wieder aussehen, da brauchen andere Kollegen ja einen halben Tag für."
Ich schicke ein strahlendes Lächeln hinterher und frohlocke. Ein kurzer Schwatz mit dem zweiten Vorstand, macht meinen kleinen Misserfolg von vorhin wieder wett und könnte mich versöhnlich stimmen. Allerdings wäre es schön, wenn sich das Äffle, wie wir ihn aufgrund seiner Frisur heimlich nach der schwäbischen ARD-Werbefigur benennen, auch einmal eine nette Bemerkung für mich einfallen lassen würde.
Erwartungsvoll blicke ich ihn an.
"Danke, Frau Wiese. Ja, man tut, was man kann, nicht wahr?”
Ich nicke ungeduldig, auch dann noch, als Herr Weber sich bereits zum Gehen gewendet hat. Nun gut, immerhin hat er gelächelt, trotzdem finde ich, dass er es sich etwas zu leicht macht. HH hin oder her, wo ich mir doch jedes Mal so viel Mühe mit der Auswahl meiner Komplimente gebe. Unser Herr Weber sieht nämlich gar nicht so fit aus. Unter seinen Augen sind derart tiefe Furchen, das ich unweigerlich an einen frisch gepflügten Acker denken muss.
Doch genug geärgert, jetzt muss ich mich beeilen, wenn ich vor Frau Grube eintreffen will. Ich haste zu den Aufzügen.
Die neue Mitarbeiterin ist seit einem Monat meine Zimmerkollegin und leider wie ich, Frühaufsteherin. Bisher war es mein Privileg als Erste das noch leere Büro zu betreten. Und das ist ein herrliches Gefühl. Die Zimmer liegen still in der Morgensonne und kein penetrantes Telefongeklingel oder nervige Kollegen stören den Frieden. Die beste Zeit um ungestört wichtige Projekte zu planen, Telefonate zu führen oder E-Mails zu beantworten. Bei meinem außergewöhnlich hohen Aufgabenpensum benötige ich jede Stunde und ganz besonders die stillen. Das hatte ich Frau Grube wohl etwas zu bildhaft geschildert. Was habe ich mich an meinem Kaffee verbrannt, als sie ihren schwarzen Lockenschopf am dritten Tag, nur wenige Minuten nach mir durch die Tür steckte. Beinahe hätte ich ihn vor Schreck über die neue Ausgabe meiner Marie, in der ich gerade mein Horoskop studierte, geschüttet. Ich war außer mir. Frau Grube hingegen fand die Situation mehr als lustig. Ihr lautes Lachen löste in mir Fantasien aus, für die manch einer jahrelang hinter Gitter müsste. Ich hielt mich jedoch zurück und lernte daraus. Wenn das quirlige Energiebündel heute eintrifft, bin ich beharrlich in meine Arbeit vertieft und schaue nur manchmal geschäftig und etwas ungehalten von meinem Schreibtisch auf.

Auf dem Weg in die oberen Stockwerke, erblicke ich wenige Meter vor mir unser Pummelchen Emma. Die hat mir gerade noch gefehlt! Am frühen Morgen die laute Stimme unserer Grafikerin durch den Flur poltern zu hören, ist in etwa so angenehm, wie eine Wurzelbehandlung bei vollem Bewusstsein. Zudem kann ein Treffen mit ihr auch sehr gefährlich sein. Sie ist nicht gerade für ihre Verschwiegenheit berühmt und unverblümt gesagt, die größte Tratschtante die ich kenne. Das Wort "Flurfunk" wurde längst durch die neue Wortfindung "Emmaphon" ersetzt. Und das aus gutem Grund. Es gibt kein Meeting über das Emma nicht informiert ist, kein Bürotechtelmechtel, das ihren scharf gewetzten Augen entgeht. Doch dieser ausgeprägte Spürsinn, mit welchem sich Emma dem Privatleben ihrer Kollegen widmet, fehlt ihr leider völlig im sonstigen Umgang mit Menschen. Empathie ist ein Fremdwort für sie, wenn Emma sprechen will, spricht Emma auch. Ganz gleich, ob man sich einen Schal um die Ohren wickelt und Ohrensausen vortäuscht oder wahnsinnige Kopfschmerzen vorgibt. Beides habe ich probiert und beides war zwecklos.
Fieberhaft suche ich nach einem Fluchtweg. Wenn ich mich ganz langsam rückwärts bewege und Emma dabei im Auge behalte, könnte ich Glück haben. Vorsichtig setzte ich meinen Plan in die Tat um und schleiche mich davon. Nur wenige Schritte sind zurückzulegen, um einen sicheren Hörsturz zu entgehen und ich schaffe es tatsächlich.
Das war knapp! Oder auch nicht. Plötzlich stoße ich mit dem Rücken auf ein Hindernis und drehe mich verwundert um. Mein Rückwärtsschleichen ist bedauerlicherweise nicht unbeobachtet geblieben und so finde ich mich mitten in einem Pulk von Menschen wieder, die mich erstaunt anstarren. Vom Regen in die Traufe, denke ich während ich ebenso irritiert die Völkerwanderung mustere. Die belustigten Gesichter der Anwesenden verheißen nichts Gutes, eine asiatische Schönheit macht sich nicht einmal die Mühe, ihren missbilligenden Blick auf die  unter meinem Arm zu verbergen. Skeptisch zieht sie eine Augenbraue gekonnt in die Höhe. Ich tue es ihr gleich und wundere mich. Heißt es nicht, dass Japaner ein höfliches Volk seien?
"Haha", lache ich für uns beide, "so früh ein Massenauflauf und ich dachte unser Betriebsfest ist erst im kommenden Monat.”
Statt Gelächter schwappt mir schallendes Schweigen entgegen und meine Aufregung steigt. Nervös lächle ich in die Runde und scanne diese dabei unauffällig auf HHs oder wichtige Kunden. Über die meisten der irritierten Gesichter huscht ein höfliches Anstandslächeln, bevor eine männliche Bassstimme das Wort ergreift.
"Guten Morgen Frau Wiese, immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Und das, obwohl Sie doch zurzeit so viel Arbeit haben."
Ich erstarre. Jetzt komme ich doch noch zu dem gewünschten Treffen mit unserem Vorstandsvorsitzenden Herrn Brunner. So hatte ich mir das allerdings nicht vorgestellt. Unsicher versuche ich in seinen Augen abzulesen, ob die unterschwellige Ironie nur das Werk meiner Einbildung ist, kann jedoch keinerlei Gefühlsregung erkennen. In so einem Fall hilft nur eines: professionell lächeln. Diesen Tipp kenne ich spätestens seit dem Trickfilm "Madagaskar", nur das dazugehörige Winken habe ich nach einigen Selbstversuchen eingestellt.
"Guten Morgen Herr Brunner, man tut was man kann. Ich, ähm, war gerade auf dem Weg zu Emma Reiss, sie hat versehentlich ihre Zeitung im Fahrstuhl liegen lassen.”
Stolz blicke ich in die Runde. Von meinem eigenen Geistesblitz getroffen, strahle ich wie ein Lebkuchenschwein. Herr Brunner nickt knapp und auch die anderen Herrschaften sehen wenig beeindruckt aus. Das ist enttäuschend. Immerhin haben sie soeben mitbekommen, dass ich erstens bis zum Hals in Arbeit schwimme, zweitens immer einen lustigen Spruch auf den Lippen habe und drittens auch noch so hilfsbereit bin, meiner Kollegin eine vergessene Zeitung nachzutragen. Trotz meinem derzeitigen beruflichen Stress! Was muss man denn noch für ein wenig Anerkennung leisten, ein Mittel gegen Krebs erfinden? Und das am besten nebenbei in der Mittagspause!
Ein lautes Räuspern von Herrn Brunner holt mich in die Wirklichkeit zurück.
"Tja, ich muss dann mal weiter. Wie Sie schon sagten, viel Arbeit."
Ich schiebe ein Siegerlächeln hinterher und stolziere mit erhobenem Kopf in Richtung Fahrstuhl. Herr Brunner spricht in meinem Rücken weiter und ich kann mir denken, was er sagt: "Das war Frau Wiese, eine unserer fleißigsten Mitarbeiterinnen. Hundertprozentiger Einsatz ist bei uns unerlässlich, der Erfolg eines Unternehmens baut schließlich auf das Engagement der Angestellten."
Ich muss mich nicht umdrehen um zu wissen, dass an dieser Stelle alle zustimmend nicken werden. Die Asiatin hat sicher ihre Augenbraue wieder eingefahren und macht sich womöglich sogar eine Notiz.

Außerhalb der Gefahrenzone atme ich auf. Mein Puls beginnt sich normalisieren und ich frage mich, wer die Damen und Herren wohl sein könnten. Da Mitarbeiter ausscheiden, kann es sich nur um potenzielle Kunden oder Auftraggeber handeln. Gibt es etwa eine neue Kampagne, von der ich noch nichts weiß? Wie könnte ich das bloß rausfinden?
Hmm, ich glaube Emma würde sich tatsächlich sehr über die Zeitschrift freuen, beim Überfliegen der Artikel habe ich einige gute Diätrezepte gesehen. Am besten bringe ich ihr diese gleich mal vorbei. Vielleicht können wir uns bei der Gelegenheit auch ein bisschen austauschen? Immerhin ist ein gutes Verhältnis unter Kollegen enorm wichtig.
Mit diesem Vorsatz mache ich mich auf den Weg in den vierten Stock, wo Emma arbeitet. Während ich auf das vertraute "Pling" des Fahrstuhls warte, sehe ich mich in unserer Empfangshalle um. Beim Anblick der hohen, weiß verputzten Säulen, der großen gläsernen Fensterfront und der imposanten Wassergräben, die sich durch den Marmorboden schlängeln, verspüre ich Stolz. Ich bin nicht nur gerne an diesem Ort, ich liebe dieses Gebäude. Es erfüllt mich mit einem wahren Hochgefühl, die langen Flure entlang zu schreiten, das große Foyer zu betreten und in einem der Lifte schwerelos nach oben zu sausen. Je höher desto besser. Die Erklärung hierfür ist einfach, je gehobener dein Rang, umso höher liegt dein Stockwerk. Ich kann mir oftmals ein überlegenes Lächeln nicht verkneifen, wenn eine dieser arroganten Kleiderstangen vor mir aussteigen muss.
Ein glockengleiches Läuten reißt mich aus meinen Gedanken und ich betrete den Fahrstuhl. Die sanfte Melodie erklingt und löst eine Gänsehaut bei mir aus, hier fühle ich mich behütet, das ist mein Heimspiel. Am liebsten möchte ich meine Augen schließen und …
Plötzlich fährt eine Hand mit dunkelrot lackierten Fingernägeln zwischen die sich schließenden Türen und stoppt den Vorgang. Verdutzt blinzle ich in das Licht und erblicke eine zierliche Dame in knappen mintgrünen Kostüm. Da habe ich mich wohl zu früh über etwas Ruhe vor dem Emma-Sturm gefreut. Verhalten lächle ich mein dünnstes Lächeln und starre stur auf die Stockwerkanzeige. Die bin ich bald los, denke ich, bevor ich mit Schrecken beobachte, wie ihr knochiger Finger den Knopf Nummer Sieben drückt. Bei eingehender Betrachtung fällt mir nun auch der arrogante Blick unter dem geglätteten Schopf auf.
Mein Hund brät sich einen Storch in der Pfanne! Was bildet sich diese Pute ein? War sie etwa beim Bau der siebten Etage persönlich dabei? Das könnte man nahezu meinen, so hoch wie die ihren operierten Zinken trägt. Bedröppelt schaue ich auf meinen weit darunter liegenden leuchtenden Knopf und verstehe sofort. Daher weht also der blasierte Wind, ich werde als Vierling abgewertet. Mir wird flau im Magen, aber außergewöhnliche Situationen bewältigt man am besten mit außergewöhnlichen Maßnahmen. Also räuspere ich mich kurz und ehe ich nachdenken und mich bremsen kann, höre ich mich sagen: "Na so was, habe ich etwa die falsche Etage gedrückt? Oje, das Treffen mit den Vorständen am Wochenende hat mich wohl doch etwas mitgenommen."
Siegesgewiss drücke ich den obersten Knopf. Das Leuchten der Acht steht dem meines hochroten Kopfes in nichts nach und die Bohnenstange lächelt nun schmallippig.
"Ja, das ist jedes Mal eine Farce, vor allem der Schlummertrunk bei Herrn Brunner. Ich glaube dieser Mann schläft nie, was?"
Dabei lacht sie laut und perlend. In meinen Ohren klingt es wie das Scheppern meines alten Weckers, was aber auch am lauten Rauschen meines Blutes liegen kann. Hölzern lache ich zurück und nestle an meiner Bluse, bis wir ihre Etage erreichen und die Frau selbstzufrieden hinaus tänzelt. Ich schaue ihr nach, bis sich die Türen wieder schließen, mit diesem Verlauf hatte ich nicht gerechnet. Ob es sich um die Verwandte eines Vorgesetzten handelte? Angewidert rümpfe ich die Nase, ich halte nicht viel von Vitamin B, hauptsächlich weil ich keines besitze.
Es "plingt" erneut und ich zucke erschrocken zusammen. Zaghaft betrete ich das achte Stockwerk und sehe mich ehrfurchtsvoll um. Seit damals hat sich einiges verändert. Nach meinem beruflichen Abstieg war ich nur selten hier oben und wenn, dann stets in Begleitung, da möchte man natürlich nicht gaffen. Mit skeptischem Blick mustere ich nun ungestört die teuren Skulpturen, edlen Gemälde und den künstlichen Wasserfall. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, denn es ist auch mein Geld, welches in dieser Firma steckt. Mein Wissen, meine Strebsamkeit, mein Engagement, jawohl. Jeder Handgriff, den ich mache, steuert unmittelbar zum Erfolg der Agentur bei und wenn ich mich hier so umsehe, wird mir auch klar wohin der Rest meines mir zustehenden Gehaltes fließt. Muss der Teppich so edel sein, genügt nicht auch eine Kopie der Bilder und ist in unseren AGBs etwa verankert, dass die teuersten Polstermöbel für die Ausstattung verwendet werden müssen? Ich wette, selbst diese Pflanzen kosten mehr als meine gesamte Büroeinrichtung.
So langsam gewinne ich an Fahrt. Fast wünsche ich mir, dass jemand meinen Weg kreuzt und mich nach meinen Absichten fragt. Dem würde ich etwas erzählen, der würde was erleb…
Hoppla, da kommt Herr Weber um die Ecke. Nichts wie auf die Damentoilette!
Ich sprinte als ginge es um mein Leben und erreiche nur knapp die schützenden Hallen. Keuchend lehne ich mich von innen gegen die Tür. Das war haarscharf. Voller Adrenalin trete ich an die Waschbecken und lasse mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen. Dann will ich das Schicksal nicht weiter herausfordern, nach einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel schleiche ich zur Tür, um schnellstmöglich diesen gefährlichen Ort wieder zu verlassen.
Plötzlich wird es draußen laut und ich lege verstört mein Ohr an die Wand. Was ist das für ein Tumult, der übrigens immer näher kommt? Fluchtartig flitze ich in eine der Kabinen. Ich fühle mich wie einem James-Bond-Film entstiegen, als ich auf den Rand der Toilette steige und atemlos in die Stille lausche. Mein Rückzug war keine Sekunde zu früh, wie vermutet öffnet sich die Tür und ein Pulk Damen spaziert herein.
"Sagt sie doch zu mir, Ocker kommt diesen Herbst wieder in Mode, pah!"
"Als ob die etwas von Mode verstehen würde."
"Und überhaupt, diese Farbe sieht eher aus wie der Durchfall meines Neffen.”
Neben mir klappen zwei Kabinentüren und ich bete zu Gott, dass mein Versteck unentdeckt bleibt. Das Herz schlägt mir mittlerweile bis zum Hals und es würde mich nicht wundern, wenn der Kragen meiner Bluse dem Pulsieren nachgeben und sich mit einem lauten Ratsch verabschieden würde.
"Wisst ihr eigentlich das Neueste?", kreischt es links aus der Nachbartoilette. Stille breitet sich aus und nur das Klappern von hochhackigen Schuhen hallt durch den Raum.
"Ich habe brandneue Informationen von dem wichtigen Meeting am Wochenende.”
Oha, jetzt wird es interessant. Ich verlagere mein Gewicht nach vorn und warte auf weitere Details. Wer braucht schon Emma, grinse ich in mich hinein. Von den Waschbecken kommt weiterhin kein Mucks und ich wundere mich. Das ist merkwürdig, die Damen sind doch sonst nicht so diskret. Allmählich werde ich unruhig, ich kann doch nicht die einzige Person sein, die sich für betriebsinterne Gerüchte interessiert. Was sind denn das bloß für Angestellte?
"Also ICH kann mir denken worum es bei dem Treffen ging, aber eigentlich darf noch gar nicht darüber gesprochen werden", näselt es vom anderen Ende des Raumes und das Blut gefriert mir in den Adern.
Au Backe, das ist Frau Neumann. Ihre Anwesenheit erklärt auch die frostigen Temperaturen und das abrupte Schweigen der anderen. Aus welchem Loch ist denn die Giftschlange hervorgekrochen? Ich habe sie gar nicht herein kommen hören. Kalter Schweiß legt sich auf meine Stirn, als mir eines klar wird. Wenn Frau Neumann nicht mit den Hühnern eintrat, muss sie bereits hier gewesen sein, als ich hineinhuschte. Das hätte böse enden können.
In meinem sicheren Versteck muss ich nun grinsen, ich bin gespannt, wie das jetzt weiter geht.
"Öhem, Frau Neumann, Sie sind auch hier? Ich, ähm, wollte auch nur andeuten dass sich demnächst etwas verändern könnte. Immerhin arbeiten wir auf der höchsten Ebene, da sollte man doch vor der Putzfrau informiert sein", mault es neben mir etwas kleinlauter.
"Wen und wann der Vorstand informiert, sollten wir wohl besser den Herren überlassen. Auf die Sinnhaftigkeit der Entscheidungen der Herren können auch Sie beruhigt vertrauen, Frau Eber", schießt es blitzartig zurück.
Ich zucke zusammen. Für ihre verbalen Ohrfeigen ist Frau Neumann berüchtigt und ich muss unweigerlich an meine erste unschöne Begegnung mit dem Fleisch gewordenen Giftpfeil denken. Damals war ich selbst noch Assistentin der Geschäftsleitung und traf eines Morgens in der Eingangshalle auf eine verschüchterte, kleinlaute Person. An ihrer verkrampften Haltung und der Art, wie die Dame ihr Aktentäschchen umklammert hielt, erkannte ich sofort, dass es sich um eine neue Mitarbeiterin handeln musste. Versonnen dachte ich an meinen ersten Tag. Wohlwissend wie viel Ehrfurcht einem das Gebäude einflößen konnte, lächelte ich freundlich, wenn auch ein wenig hochmütig zu ihr herab. Doch die erwartete respektvolle Begrüßung blieb aus. Der Blick aus ihren stahlblauen Augen war nicht weniger arrogant und ärgerte mich. In einer Werbeagentur ist Teamwork unerlässlich, mein damaliger Chef pflegte immer zu sagen: "Wer nicht Teil der Lösung ist, ist Teil des Problems." Dieses kleine überhebliche Problem wollte ich alleine bewältigen. Schließlich war ich seine rechte Hand und es war somit meine Aufgabe, ja sogar Pflicht, diesen Neuling einzuweisen. Gemeinsam betraten wir den Fahrstuhl und ich frohlockte. Das war mein Spiel. Während die Dame fragend die Etagenanzeige studierte, drückte ich betont lässig auf den obersten Knopf, nicht ohne einen hämisch herausfordernden Blick unterdrücken zu können. Die Unsicherheit des Fräuleins war jedoch schlagartig verflogen, hochnäsig warf sie ihr Haar über die Schulter und nickte: "Vielen Dank, da muss ich auch hin."
Eine derart faustdicke Lüge hatte ich selten erlebt und dabei wurde die Dame nicht einmal rot. Fast bekam ich Mitleid mit ihr, sie hatte ja keine Ahnung, dass sie im Begriff war, sich schon am ersten Tag mit der Chefetage anzulegen.
Aber eben nur fast. Mit einer Mischung aus Wut, und zugegeben auch Ratlosigkeit, fuhr ich mit ihr nach oben. Dort angekommen zwinkerte ich ihr höflich zu, denn inzwischen hatte ich eine Idee.
"Na dann folgen Sie mir mal.”
Dynamisch eilte ich den langen Gang entlang, nicht ohne in jedes Büro huldvoll hineinzunicken. Sie sollte sehen, mit welch einer sympathischen und beliebten Person sie es hier zu tun hatte. Als wir am Ende des Flures in unserer Teeküche landeten, wies ich auffordernd auf das Geschirr.
"Das erste Meeting beginnt heute um zehn Uhr, Herr Brunner bevorzugt Cappuccino. Vielen Dank."
Natürlich wusste ich, dass es sich bei der Dame um keine unserer Küchenhilfen handelte, dafür war ihr Auftreten zu elegant. Aber da sie es nicht für notwendig gehalten hatte sich vorzustellen, konnte ich dies auch nicht hundertprozentig ausschließen, oder? Meine Arbeit war getan und so schritt ich hoheitsvoll zum Ausgang. Da registrierte ich voller Erstaunen, wie die Dame wahrhaftig ein Gedeck zusammenstellte und heißes Wasser in die Tasse füllte. Mit festem Blick schaute sie mich an und meinte bestimmt: "Mein Onkel bevorzugt vor zwölf Uhr nur Tee, aber woher sollten Sie das auch wissen?"
Damit schnappte sie sich die Tasse und eilte in Richtung Vorstandsbüro. Ich blieb allein zurück und begann verwirrt ein paar Krümel mit der Hand zusammen zu fegen. Vor meinem geistigen Auge konnte ich sehen, wie Herr Brunner sein geliebtes Familienmitglied in die Arme schloss und ihr mit fragendem Blick die Tasse aus der Hand nahm. Was das Fräulein Nichte von ihrem Empfang so berichtete, mochte ich mir lieber nicht ausmalen.
Dieser Moment liegt lange Zeit zurück, doch auch jetzt stellen sich mir die Haare bei der Erinnerung daran auf. Zwischenzeitlich wurde unser Fräulein Neumann eingestellt, natürlich auf Grund der überragenden Zeugnisse und Referenzen und nicht etwa, weil sich Mami und Herr Brunner zusammen das Töpfchen teilten. Ich muss mich schütteln, meine Meinung zu dieser Vetternwirtschaft ist nicht die beste.

Doch genug der Vergangenheit, zurück zum Hier und Jetzt und mir, wie ich zitternd auf dem Klodeckel stehe. Während mein Herz lautstark von innen gegen die Rippen pocht, höre ich draußen eine Tür klappen und der Raum atmet auf. Nach ein paar Schrecksekunden beginnen die Gänse wild durcheinander zu schnattern.
"Oje, die hatte uns gerade noch gefehlt."
Meine Rede, denke ich.
"Wieso hat mich keiner von euch gewarnt?", jammert Frau Eber aus der Kabine. "Jetzt rennt sie bestimmt gleich wieder zu Onkelchen Brunner und stellt meine Integrität in Frage."
Die letzten Worte spricht sie näselnd und etwas zu laut, keine Frage im Imitieren ist Frau Eber einfach unschlagbar. Ich grinse und der Geflügelverein gackert hysterisch.
"Wenn sie auf dem Weg nicht wieder auf ihrem Hintern landet", kichert eine der Damen und erntet lautes Gelächter.
"Nun erzähl endlich die super Neuigkeiten", wispert die Runde jetzt aufgeregt.
"Seid ihr verrückt, nach der Nummer gerade? Nee, das machen wir nachher in Ruhe beim Mittag", entgegnet Frau Eber sichtlich noch beleidigt und der Pulk wandert maulend wieder ab.
So etwas blödes aber auch, denke ich, während ich von der Schüssel klettere. Dies ist nur ein weiterer Grund, Frau Neumann zu hassen. Allerdings hätte es für mich auch weitaus schlimmer enden können.
Als ich mich ein wenig beruhigt habe, lächle ich meinem Spiegelbild zu. Jetzt sollte ich aber dringend gehen, schließlich muss ich der armen Emma noch ihre Zeitung vorbeibringen.

 

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© Jorna Sternekieker